hina | Der Trotzkopf in meinem Garten
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Der Trotzkopf in meinem Garten

Wer will die schon, diese widerspenstigen Dinger. Unkräuter im eigenen Garten sind unbeliebt. Doch schaut man genauer hin, offenbaren sie spannende Eigenschaften, die auch uns Menschen nützlich sind.

„Nervt es Dich? Gewöhn Dich besser daran. Sich aufregen, das bringt doch nichts.“ Das sagte einmal eine Freundin zu mir, während eines gemeinsamen Ausstellungsbesuches. Ich hatte mich geärgert über die vermutlich bewusst schludrigen Arbeiten. Jetzt stehe ich in meinem Gemüsebeet zuhause. Die Vögel zwitschern, es riecht nach feuchter Frühsommerluft. Und ich denke an ihre Worte. Denn: da ist er wieder. Kleine, gelbe Blüten erheben sich über meinem Salat. Wie hübsch – und leider ein Zeichen dafür, dass ich nicht aufgepasst habe. Ich weiss: unter den Blüten verbirgt sich müffelnd der kriechende Hahnenfuss.

Dieser schlangenartige Schleimer, der mein Gemüse verschlingt. Überall macht sich das Unkraut breit, mit seinen fingerartigen Ausläufern. Ich reisse es aus. Mehrmals im Jahr und jeden Frühling aufs neue. Doch der Hahnenfuss trotzt meinen Bemühungen. Denn er hat längst schon neue Ableger gebildet.

Unkräuter im Garten nerven. Das ist klar. Dabei haben viele dieser Unkräuter Eigenschaften, von denen wir uns ein Scheibchen abschneiden könnten. Betrachtet man ihren Charakter, so zeigen sie uns Möglichkeiten, mit Hindernissen im Leben umzugehen. Sie sind virtuos in der Verbreitung. Sie behaupten sich über andere. Sind wahre Lebenskünstler. Gleichzeitig hinterfragen sie durch ihre Anwesenheit unsere Vorstellungen von der Welt. Indem sie sich diesen widersetzen.

Aber was genau unterscheidet denn ein Unkraut überhaupt von einer Blume?

Ein Unkraut ist vor allem eine Pflanze, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Wir bewegen uns im Alltag in einem Raum voller Vorschriften. Der öffentliche Raum – und leider auch der private – ist den sozialen Vorstellungen der Gesellschaft unterworfen. Auf der Strasse fahren die Autos. Mein Vorgarten sei ein nach Rosen duftender Fussballrasen, in meinem Gemüsebeet wachse – Gemüse. Das ist die Norm. Wir legen fest, was denn an einem Ort erwünscht ist. Ein Unkraut entspricht nicht dieser Norm. Es vermittelt uns Chaos und Widerstand. Es nervt. Und das ist gut so! Wir sollten uns daran ein Beispiel nehmen.

Ein Unkraut vermittelt Chaos und Widerstand. Es nervt. Und das ist gut so!  

Denn Vorschriften engen uns ein. Sie verhaften die eigene Vorstellungskraft. Was doch alles möglich wäre. Mit ein bisschen mehr Gespür für das, was wir selber wollen. Ein Ziel vor Augen. Auch wenn wir dabei anecken und manchmal nerven: ich denke, ein bisschen Unkraut sein würde uns glücklicher machen.

Mein Vorbild ist der stinkende Storchenschnabel mit seinen hübschen, violetten Blüten. Er braucht nicht viel und wohnt auf feuchten Wiesen oder Schutthalden. Ein Abgrund tut sich vor ihm auf? Egal. Er stakst mit seinen kräftigen Stängeln über Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, einfach hinweg. Es ist ihm gleichgültig, was unter ihm alles geplant und gebüschelt wurde. Er steht da drüber. Er findet Halt, wo wir schon lange abstürzen.

Ob ich den Hahnenfuss nun einfach wuchern lasse? Natürlich nicht. Schlussendlich kann ich ihn im Gegensatz zu meinem Salat nicht essen. Doch er hat für seinen Widerstand einen stillen Bewunderer in mir gefunden. Sich aufregen, das bringt doch nichts. Bei mir gibt es jetzt keine Unkräuter mehr im Garten. Sie sind zu aufmüpfigen Beikräutern geworden.

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